Nostradamus

Der verschlüsselte Blick in die Jahrhunderte

Michel de Nostredame, weltweit bekannt unter seinem latinisierten Namen Nostradamus, gilt als der berühmteste Astrologe und Seher der Renaissance. Geboren wurde er am 14. Dezember 1503 in Saint-Rémy-de-Provence im Süden Frankreichs. Sein bewegtes Berufsleben begann er als Apotheker, nachdem er ein erstes Studium wegen eines Pestausbruchs abbrechen musste. Später widmete er sich der Medizin, wobei bis heute historisch nicht zweifelsfrei gesichert ist, ob er sein Medizinstudium in Montpellier jemals erfolgreich mit einem Doktorgrad abschloss. Nach Jahren als Wanderarzt, in denen er wiederholt die Pest bekämpfte und schwere familiäre Schicksalsschläge erlitt, fand er in seiner zweiten Ehe mit einer wohlhabenden Witwe finanzielle Sicherheit. Dies erlaubte es ihm, sich in Salon-de-Provence ganz seinen astrologischen und prophetischen Schriften zu widmen, bis er dort am 2. Juli 1566 an den Folgen seiner chronischen Gicht- und Wassersuchterkrankung verstarb.

Das bleibende Fundament seines Ruhms sind die sogenannten „Centurien“ – prophetische Gedichte, die er in Gruppen von jeweils einhundert Vierzeilern (Quatrains) anordnete. Dass Nostradamus seine Visionen fast nie in klar identifizierbaren, unmissverständlichen Vorhersagen formulierte, war eine bewusste und lebensnotwendige Strategie. In einer Epoche, die extrem von den christlichen Werten der katholischen Kirche und der ständigen Bedrohung durch die Inquisition geprägt war, bedeutete jede allzu offene Zukunftsschau Lebensgefahr. Um dem Vorwurf der Hexerei oder Ketzerei zu entgehen, verklausulierte er seine Eingebungen in einem rätselhaften Mix aus Französisch, Latein, Griechisch und mythologischen Anspielungen. Er versteckte die logischen Schlüssel für seine Prophezeiungen über viele Jahrhunderte hinweg so geschickt im Text, dass sich der wahre Kern seiner Visionen für die Menschheit erst 500 Jahre später – also in unserer heutigen Zeit und der nahen Zukunft – offenbaren sollte.

Unter den zahllosen Ereignissen, die er vorausgesehen haben will, ragt eine Prophezeiung besonders heraus, die seinen Ruhm schon zu Lebzeiten zementierte: der Tod des französischen Königs Heinrich II. im Jahr 1559. Nostradamus hielt dieses Ereignis in seiner ersten Centurie im 35. Quatrain fest.

Das altfranzösische Original: Le lyon ieune le vieux surmontera En champ bellique par singulier duelle Dans cage d’or les yeux luy creuera Deux playes vne, puis mourir, mors cruelle.

Die deutsche Übersetzung: Der junge Löwe wird den alten überwinden, Auf dem Kriegsfeld im ritterlichen Zweikampf; Im goldenen Käfig wird er ihm die Augen ausstechen, Zwei Wunden eine, dann sterben, grausamer Tod.

Die historische Realität spiegelte diese Zeilen auf erschütternde Weise wider: Während eines ritterlichen Turniers splitterte die Lanze des jüngeren Grafen von Montgomery, drang durch das vergoldete Visier des königlichen Helms – den „goldenen Käfig“ – und durchbohrte das Auge des Königs. Heinrich II. starb nach tagelangem Kampf an den zwei Wunden im Auge und Gehirn, was Frankreich in jahrzehntelange politische Wirren stürzte.

Neben diesem Ereignis zeigten sich im Laufe der Jahrhunderte weitere historische Parallelen, die Interpreten immer wieder staunen ließen:

Der große Brand von London (1666): In Centurie II, Quatrain 51 deutete Nostradamus eine der wenigen konkreten Jahreszahlen an. Er schrieb vom „Feuer von dreimal zwanzig plus sechs“, das London verbrennen würde. Die Rechnung ergibt die Zahl 66 – genau im Jahr 1666 legte ein verheerendes Feuer die englische Metropole in Asche.

Die Französische Revolution (1789): Den gewaltsamen Umsturz in seinem Heimatland sah er ebenfalls voraus. In Centurie I, Quatrain 14 beschrieb er eine „Epoche der Sklaven“, in der Herrscher und Fürsten in Gefängnisse geworfen würden. Dies wird als treffende Vorschau auf die Erstürmung der Bastille und die Absetzung des Adels gedeutet.

Der Aufstieg von Adolf Hitler: In Centurie II, Quatrain 24 sprach er von einem Kind armer Leute im Westen Europas, das „mit seiner Zunge ein großes Heer verführen wird“. Zudem nutzte er in einem weiteren Vers das Wort „Hister“, was damals zwar den Unterlauf der Donau nahe Hitlers Geburtsort bezeichnete, heute aber als fast perfektes, verschlüsseltes Anagramm für den Diktator verstanden wird.

Der Grund, warum Nostradamus auch heute noch die Gemüter bewegt, liegt in der meisterhaften Offenheit und dem metaphorischen Charakter seiner Poesie. Da er die Texte bewusst so anlegte, dass ihre tiefe Wahrheit sich erst über ein halbes Jahrtausend hinweg entfalten sollte, bieten seine Centurien bis in unsere heutige Zeit hinein Raum für neue Entdeckungen und Warnungen an die Menschheit. Allerdings führt genau diese kryptische Natur der Verse auch dazu, dass die Vorhersagen extrem vage bleiben und letztendlich in fast jede beliebige Richtung interpretierbar sind.

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